
Von der Wichtigkeit, anderen über die Geburt zu erzählen!
Das vorherrschende Narrativ in unserer Kultur besagt: Solange Mutter und Kind die Geburt überlebt haben und nach den Standards der westlichen Medizin weitgehend gesund sind, ist alles gut. Das wertet die Erfahrung vieler Frauen ab. Alles ist nichts ohne Gesundheit. Und gleichzeitig wird mit diesem Satz oft etwas ausgeblendet, das genauso wahr ist. Geburt ist nicht nur ein medizinischer Vorgang. Geburt ist eine Erfahrung, die dich körperlich, emotional und oft auch existenziell berührt. Sie kann dich stolz machen, weich, erschüttert, erleichtert, wütend, dankbar. Manchmal alles zusammen.
Wenn wir Geburt nur nach dem Ergebnis bewerten, bleibt ein wichtiger Teil ungesagt. Und genau dieser Teil entscheidet häufig darüber, ob du dich im Nachhinein sicher in dir fühlst, ob du Ruhe findest und ob ihr als Familie gut in euer neues Leben hineinwachsen könnt.

Was passiert, wenn wir nicht darüber reden
Viele Frauen merken erst Wochen oder Monate später, dass etwas in ihnen „hängen geblieben“ ist. Ein Moment, ein Satz, ein Blick, eine Entscheidung, die sie nicht verstanden haben. Oder das Gefühl, keine Wahl gehabt zu haben. Manchmal ist da auch einfach eine Leere, weil alles so schnell ging.
Erzählen heißt nicht, dass du jedes Detail rekonstruieren musst. Erzählen heißt: Du gibst deiner Erfahrung einen Platz. Und du erlaubst dir, dass sie Bedeutung haben darf, auch wenn am Ende alles medizinisch „gut“ war. Wichtig dabei: Es gibt nicht den einen richtigen Zeitpunkt. Und es gibt nicht die einen richtigen Rahmenbedingungen.
Erzählen ist Verarbeitung, aber bitte ohne Druck
Viele Frauen wünschen sich nach der Geburt ein Gespräch über das Erlebte, weil es Orientierung gibt. Gleichzeitig zeigt die Forschung: Ein standardisiertes, frühes „Debriefing für alle“ direkt nach der Geburt verhindert psychische Belastungen nicht zuverlässig und ist nicht für jede Frau hilfreich.
Was hilft, ist etwas anderes: ein sicherer Rahmen, Freiwilligkeit, echtes Zuhören und wenn nötig, gezielte Unterstützung. Nach belastender oder traumatischer Geburt können kurze psychologische Interventionen hilfreich sein, wenn sie passend ausgewählt und sensibel angeboten werden.
Das heißt für dich: Du musst nichts „abliefern“. Du darfst erzählen, wenn du bereit bist. Und du darfst dir Hilfe holen, wenn du merkst, dass dein System nicht zur Ruhe kommt.
Dein Körper als Kompass: so findest du den richtigen Weg
Wenn du über deine Geburt nachdenkst, geh einen Schritt weg vom Kopf und einen Schritt näher zu dir. Spür in deinen Körper hinein. Was passiert, wenn du an bestimmte Momente denkst. Wird es eng oder weit. Wird dir warm, kalt, wird dir schwer im Brustkorb. Wo zieht sich etwas zusammen.
Diese Signale sind keine Schwäche. Sie sind Hinweise. Manchmal zeigen sie dir, welche Stelle gesehen werden will. Manchmal zeigen sie dir auch, dass es gerade noch zu früh ist und du heute lieber nur einen kleinen Teil erzählen möchtest. Du darfst dir das Erzählen in kleinen Portionen erlauben.

Mit Partner oder Partnerin sprechen, ohne euch zu verlieren
Viele Paare sind überrascht, wie unterschiedlich die Geburt aus zwei Perspektiven erlebt wird. Was für dich riesig war, kann für die andere Person nebensächlich gewesen sein. Und umgekehrt. Das Ziel ist nicht, euch auf eine „richtige“ Version zu einigen. Das Ziel ist, euch zuzuhören.
Hilfreich ist dabei eine einfache Vereinbarung: Niemand korrigiert. Niemand diskutiert. Niemand erklärt der anderen Person, wie es „eigentlich“ war. Ihr hört zu, ihr fragt nach, ihr haltet aus, dass es zwei Wahrheiten geben kann. Achte beim Erzählen auf Wendepunkte. Auf Sätze, die immer wieder kommen. Auf Stellen, an denen jemand leiser wird oder schneller spricht. Oft steckt genau dort das, was noch nicht verarbeitet ist.
Wenn du nicht sprechen möchtest, gibt es andere Wege
Manche Frauen finden Worte sofort. Andere brauchen Umwege. Auch das ist okay. Du kannst deine Geburt verarbeiten, indem du sie aufschreibst, als Sprachnachricht aufnimmst, in Bildern festhältst oder in einem geschützten Raum erzählst, zum Beispiel bei deiner Hebamme, einer Doula, einer Mütterpflegerin oder einer Therapeutin.
Manchmal verändert sich deine Geschichte mit der Zeit. Nicht weil du „übertreibst“ oder „vergisst“. Sondern weil du nach und nach tiefer verstehst, was es für dich bedeutet hat.
Wenn die Geburt belastend oder traumatisch war: du bist nicht allein
Wenn du merkst, dass du immer wieder in Bilder rutschst, dich vermeidest, ständig angespannt bist oder innerlich „nicht mehr richtig zurückkommst“, dann ist Unterstützung keine Kür, sondern Fürsorge.
Ein sehr gutes, niedrigschwelliges Angebot ist das Hilfetelefon nach schwieriger oder belastender Geburt. Es ist ein Projekt von Mother Hood e.V. in Kooperation mit der ISPPM. Erreichbarkeit: 0228 9295 9970, mittwochs 12 bis 14 Uhr und donnerstags 19 bis 21 Uhr.
Drei Sätze, die dich nach der Geburt begleiten dürfen:
Du musst nicht beweisen, dass es „nicht so schlimm“ war.
Du darfst stolz sein und trotzdem traurig.
Und du darfst dir Zeit nehmen, bis deine Geschichte sich stimmig anfühlt.



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