
Stillmythen im Check: Was stimmt wirklich?
Stillen ist für viele Mamas ein intensiver Start in die neue Rolle. Es kann wunderschön sein und gleichzeitig verunsichern, besonders wenn überall gut gemeinte Ratschläge, Halbwissen und alte Ammenmärchen kursieren. Sätze wie „abends ist die Milch weg“, „nach Kaiserschnitt klappt Stillen nicht“ oder „kleine Brüste geben zu wenig Milch“ setzen unter Druck und lassen dich schnell an dir zweifeln, obwohl das meist gar keinen Grund hat.
In diesem Artikel nehmen wir die häufigsten Stillmythen unter die Lupe und erklären kurz und verständlich, was wirklich stimmt. Du bekommst Fakten, Orientierung und ein gutes Gefühl dafür, was normal ist und wann Unterstützung sinnvoll sein kann. Denn Stillen ist kein Wettbewerb. Es ist ein Lernprozess, der dich und dein Baby gemeinsam wachsen lässt.
Mythos: Minze reduziert die Milchbildung
Fakt: Pfefferminze wird traditionell manchmal zum Abstillen genutzt, aber es gibt keine klinischen Studien am Menschen, die zeigen, dass Pfefferminztee oder Minze in normalen Lebensmittelmengen zuverlässig die Milchmenge senkt. In Labor- und Tierdaten gibt es Hinweise auf mögliche Effekte von Menthol, aber das lässt sich nicht 1:1 auf Alltagsmengen übertragen. Wenn du hochkonzentrierte Produkte (z. B. Pfefferminzöl) nutzt und Veränderungen bemerkst, reduziere es und beobachte erneut.
Mythos: Wer eine Bauchgeburt hatte, kann nicht stillen
Fakt: Stillen ist nach Kaiserschnitt natürlich möglich. Ein Kaiserschnitt ist jedoch mit einem höheren Risiko für verzögerten Milcheinschuss (verzögerte initiale Milchdrüsenschwellung) verbunden. Früher Hautkontakt, häufiges Anlegen besonders in den ersten Tagen, Stillen nach Bedarf und praktische Unterstützung sind besonders wichtig.
Mythos: Stillen ist Instinkt. Wenn eine Mutter stillen möchte, dann klappt das auch.
Fakt: Stillen ist ein Lernprozess. Mit früher Unterstützung, passender Technik und realistischer Erwartung können die meisten Familien Stillen gut etablieren, aber “Wille allein” ist kein Garant. Professionelle Hilfe kann Probleme wie Anlegethemen, Schmerzen oder physische Restriktionen beim Baby früh erkennen und lösen.
Mythos: Kleine Brüste geben weniger Milch, große Brüste viel Milch
Fakt: Die Brustgröße hängt vor allem mit Fettgewebe zusammen, nicht mit dem milchbildenden Drüsengewebe. Entscheidend für die Milchbildung sind u.a. wirksames Stillen, Häufigkeit, hormonelle Faktoren und die individuelle Speicherfähigkeit. “Klein” bedeutet nicht “zu wenig”.
Mythos: Abends ist der Milchtank leer
Fakt: Die Brust produziert Milch fortlaufend, es wird ständig Milch nachgebildet und der Hauptteil der Milch wird während der Stillmahlzeit gebildet. Abends kommt es bei vielen Babys zu häufigem Trinken in kurzen Abständen (Clusterfeeding). Das ist oft normal. Die Zusammensetzung von Muttermilch (u.a. Fett und Hormonen) kann über den Tag schwanken, aber “abends leer” ist nicht korrekt. Wie voll sich die Brüste anfühlen, hängt auch von der Speicherkapazität der Brüste ab. Das ist aber total individuell.
Mythos: Wenn dein Baby oft trinken will, bekommt es nicht genug
Fakt: Häufiges Stillen kann normal sein, besonders in Wachstumsschüben oder abends (Clusterfeeding). Ob genug Milch ankommt, beurteilt man besser über Gewichtsentwicklung, nasse Windeln und den Gesamteindruck - nicht allein über Häufigkeit. Wenn sich hier das Bauchgefühl der Mama einschaltet, sollte dringend (besser zu früh als zu spät) eine Stillberaterin zu Rate gezogen werden.
Mythos: Viel Milch abends bedeutet, dass das Baby länger schläft
Fakt: Nächtliches Aufwachen ist entwicklungstypisch und hat viele Ursachen, auch Nähe, Reifung des Schlafs und Ausscheidung. Ein “sehr sattes” Baby kann trotzdem häufig aufwachen.
Mythos: Stillkinder dürfen in den ersten Wochen auch mal 10 bis 14 Tage keinen Stuhlgang haben
Fakt: In den ersten Wochen ist häufiger Stuhlgang ein wichtiges Zeichen, dass genug Milch ankommt. Nach etwa 6 Wochen kann die Frequenz bei gestillten Babys stark variieren, auch mehrere Tage ohne Stuhlgang können normal sein, solange das Baby gut gedeiht und der Stuhl weich bleibt. 10 Tage kommen vor, 14 Tage sind eher die Ausnahme und sollten bei Unsicherheit kurz fachlich eingeordnet werden. Sollte das Baby Probleme haben, Stuhl abzusetzen oder sich mit Bauchschmerzen quälen, kann Abhalten eine tolle Möglichkeit sein, dem Baby Erleichterung zu verschaffen.
Mythos: Mit Brustimplantaten kannst du nicht mehr stillen
Fakt: Stillen ist mit Implantaten häufig möglich und die Datenlage zeigt keine klaren Hinweise, dass Silikon die Milch “vergiftet”. Allerdings sind Frauen mit Implantaten in Studien im Durchschnitt seltener ausschließlich stillend, je nach OP-Technik und Nerven- oder Drüsengewebe-Beteiligung.
Mythos: Wenn dein Baby Zähne bekommt, musst du abstillen
Fakt: Zähne bedeuten nicht automatisch Stillende. Die Zähne deines Babys berühren beim Trinken (mit Unterdruck) im Normalfall deine Brustwarzen nicht, sind also nicht im Weg. Es kann aber sein, dass dein Baby erst einmal üben muss, sobald es erste Zähnchen bekommt. Beißen ist meist ein Verhaltensthema (z.B. beim Abdocken) und kann mit Timing, Reaktion und Technik oft gut gelöst werden.
Mythos: Weiche Brust bedeutet, dass keine Milch mehr da ist
Fakt: Nach den ersten Wochen reguliert sich die Milchbildung stärker über Angebot und Nachfrage. Viele Brüste fühlen sich dann weicher an, obwohl genug Milch da ist. Entscheidend sind Trinkeffektivität, Zunahme und nasse Windeln.
Mythos: Zwischen dem Stillen müssen Abstände von zwei oder drei Stunden eingehalten werden
Fakt: WHO empfiehlt Stillen nach Bedarf, also so oft das Kind möchte, Tag und Nacht. Fixe Abstände sind keine Voraussetzung für “gutes Stillen”. Nach Bedarf gilt nicht für Frühgeborene und auch nicht für die ersten Stunden und Tage nach der Geburt. Sinkt der Blutzuckerspiegel der Babys zu stark, flüchten sich diese in den Schlaf. Schläfrige Babys müssen alle 2-3 Stunden sanft zum Trinken geweckt werden.
Mythos: Zwiebeln, Hülsenfrüchte, Kohl und Co blähen das Baby
Fakt: Darmgase der Mutter gehen nicht direkt “in die Muttermilch”. Die wissenschaftliche Evidenz, dass bestimmte Lebensmittel regelhaft Blähungen beim Baby auslösen, ist insgesamt schwach. Es gibt aber Hinweise, dass bei einem Teil der Babys eine zeitweise Reduktion bestimmter Allergene in der mütterlichen Ernährung Kolik-Symptome bessern kann. Wenn du einen klaren Zusammenhang vermutest, ist ein begrenzter Test sinnvoll, idealerweise gezielt und nicht als generelles Verbot.
Mythos: Im Sommer muss ein gestilltes Baby zusätzlich Wasser bekommen
Fakt: Exklusiv gestillte Babys brauchen in den ersten 6 Monaten in der Regel keine zusätzliche Flüssigkeit, auch nicht bei Hitze. WHO betont, dass “exklusiv” auch bedeutet: keine anderen Flüssigkeiten, einschließlich Wasser. Wenn es wärmer ist, trinken Babys entsprechend häufiger. Wichtig ist, diesem Bedürfnis auch nachzugeben oder dem Baby auch ruhig mal proaktiv die Brust anzubieten. Oft trinken die Kinder eher kurz und entsprechend häufiger. Dafür solltest du als Mama darauf achten, ausreichend zu trinken.
Mythos: Frauen sind schlechte Mütter, wenn sie nicht stillen
Fakt: Stillen ist eine Empfehlung, keine moralische Pflicht. Bindung entsteht durch verlässliche Versorgung, Nähe und Feinfühligkeit. Familien können unterschiedliche gute Wege haben.
Mythos: Stillen verhütet sicher
Fakt: Stillen kann als LAM (Lactational Amenorrhea Method) nur unter klaren Bedingungen sehr wirksam sein: Baby unter 6 Monaten, keine Blutung nach Wiederkehr der Menstruation, ausschließlich oder nahezu ausschließlich stillen, häufig Tag und Nacht und ohne lange Stillpausen. Sobald eine Bedingung nicht erfüllt ist, sinkt der Schutz deutlich und eine zusätzliche Verhütung ist sinnvoll.
Mythos: Stillen macht Hängebrüste
Fakt: Veränderungen der Brustform werden vor allem mit Schwangerschaft, Alter, Gewichtsveränderungen, Gewebestruktur und genetischen Faktoren in Verbindung gebracht. “Stillen allein” gilt nicht als Hauptursache.
Mythos: Stillen schmerzt am Anfang immer
Fakt: Leichte Empfindlichkeit kann vorkommen, aber starke oder anhaltende Schmerzen sind ein Hinweis auf ein Problem (z.B. Anlegetechnik, wunde Brustwarzen, Infektion, Vasospasmus) und sollten früh abgeklärt werden, weil frühe Korrekturen oft schnell helfen.
Mythos: Eine Mutter, die raucht, darf nicht stillen
Fakt: Rauchen ist ein Risiko, weil Stoffe über die Milch und vor allem über Passivrauch aufgenommen werden. Trotzdem empfiehlt CDC: Wenn eine Mutter nicht aufhören kann, ist Stillen häufig weiterhin die bessere Option als gar nicht zu stillen, bei gleichzeitiger Unterstützung zum Aufhören und konsequent rauchfreier Umgebung.
Mythos: Stillen ist so natürlich, jede Frau kann stillen
Fakt: Stillen ist biologisch angelegt, aber der erfolgreiche Start hängt stark von Rahmenbedingungen ab. Unterstützung, frühes Anlegen und Hilfe bei Problemen sind entscheidend.
Mythos: Stillende Frauen können keine Anti Baby Pille nehmen
Fakt: Progestin-only Methoden (Minipille, Implantat, Injektion) gelten in Leitlinien als gut kompatibel mit Stillen. Kombinierte hormonelle Methoden (mit Östrogen) sind in den ersten Wochen nach Geburt teils nicht empfohlen, unter anderem wegen Thromboserisiko und möglichem Einfluss auf die Milchbildung. Das sollte individuell mit Ärztin oder Arzt entschieden werden.
Mythos: Das Baby muss immer beide Seiten trinken
Fakt: Manche Babys trinken pro Mahlzeit nur an einer Brust, andere an beiden. Entscheidend sind effektiver Transfer, Zunahme und Wohlbefinden, nicht das “Muss” beider Seiten. Es gibt Frauen, die Stillen die gesamte Stillzeit über nur eine Brust. Wenn möglich, empfiehlt es sich dennoch in den ersten 6-8 Wochen, zur Milchbildung beide Seiten gleichermaßen anzubieten.
Mythos: Stillen ist an allem schuld
Fakt: Stillen wird kulturell oft als Erklärung für Unruhe, Müdigkeit oder “schlechte Nächte” benutzt. Häufig liegen die Ursachen woanders oder sind multifaktoriell. Bei Belastung ist eine differenzierte Beratung hilfreicher als vorschnell Abstillen als Lösung zu sehen.
Stillen ist keine Prüfung, die man bestehen muss. Es ist ein gemeinsamer Lernprozess von dir und deinem Baby. Je besser du dich schon in der Schwangerschaft informierst, desto sicherer fühlst du dich später, wenn Fragen auftauchen oder etwas nicht sofort rund läuft. Wissen gibt dir Orientierung, wenn du müde bist, wenn gut gemeinte Ratschläge von außen laut werden oder wenn du dich plötzlich fragst, ob du alles richtig machst.
Wenn Stillen schmerzt, wenn du unsicher bist oder wenn dein Bauchgefühl sagt, dass etwas nicht passt, dann organisiere dir Unterstützung durch eine Stillberaterin. Kleine Korrekturen beim Anlegen, beim Handling oder bei der Einschätzung von Milchmenge und Trinkverhalten können oft schnell entlasten und verhindern, dass aus einem kleinen Problem ein großes wird. Du musst nicht erst „durchhalten“, bis du nicht mehr kannst. Du darfst dir Unterstützung holen, sofort und ohne dich zu rechtfertigen.











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