
Langzeitstillen und Tipps zum Abstillen: Orientierung, Berufseinstieg und dein eigener Weg
Gastbeitrag von Caroline Kreuschmer, Ärztin, IBCLC Still- und Laktationsberaterin und Physiotherapeutin.
Langzeitstillen ist ein Begriff, der häufig mehr Emotionen auslöst als Klarheit. Eine feste Definition gibt es nicht, denn jede Stillzeit ist individuell. Für die eine Mutter fühlt sich eine Stillzeit von drei Monaten lang an, weil der Stillstart herausfordernd war oder ein erstes Kind nur wenige Wochen gestillt werden konnte. Für eine andere Mutter ist eine Stillzeit von drei Jahren stimmig, weil sie sich ursprünglich ein Jahr vorgenommen hatte und dann gemerkt hat, dass es für beide passt.
Was gilt als Langzeitstillen?
Ich möchte hier keine fixe Zeit festlegen. Die WHO empfiehlt, Babys in den ersten sechs Monaten ausschließlich zu stillen, also ohne Zufüttern anderer Flüssigkeiten. Danach wird empfohlen, parallel zur Beikost bis zum Ende des zweiten Lebensjahres weiterzustillen und darüber hinaus so lange Mutter und Kind es möchten.
Wenn man sich an dieser Empfehlung orientiert, könnte Stillen nach dem zweiten Geburtstag als Langzeitstillen gelten. Gleichzeitig ist in Deutschland die Betreuungszeit bei vielen Familien auf das erste Lebensjahr begrenzt. Danach kommt oft Fremdbetreuung dazu und die Mutter steigt wieder in den Beruf ein. Bedeutet das, dass Stillen über ein Jahr hierzulande bereits als Langzeitstillen gilt? Finde die Antwort, die für dich stimmig ist.

Warum Langzeitstillen oft negativ besetzt ist
Wenn der Begriff Langzeitstillen fällt, schwingt häufig eine negative Stimmung mit. Vielleicht erinnerst du dich an das bekannte Titelbild der Times, auf dem eine Frau ihren Sohn stillt, der bereits stehen konnte. Das Bild hat viel Aufregung ausgelöst, weil Stillen in der Öffentlichkeit bei größeren Kindern vielen Menschen fremd ist.
Vielleicht ist dir das Bild auch ungewohnt oder du spürst ein Unbehagen. Das ist nicht automatisch ein Zeichen dafür, dass etwas falsch ist. Es zeigt oft nur, dass wir solche Bilder selten sehen und kaum Vorbilder haben.
Langzeitstillen neu denken
Was wäre, wenn wir Langzeitstillen positiv besetzen. Was wäre, wenn das Wort bei uns Anerkennung auslöst, statt Bewertung.
Wow, Langzeitstillende. Wow, sie hat lange gestillt.
In meinem Kopf macht sich dann Applaus breit. Denn hinter einer langen Stillzeit können viele Hürden stecken. Ein schwieriger Stillstart, körperliche Beschwerden, Schlafmangel, Rückkehr in den Beruf oder das Gefühl, sich ständig rechtfertigen zu müssen. Langzeitstillen ist keine Sonderform. Stillen ist Stillen. Und jede Stillende verdient Respekt.
Stillen und Berufseinstieg: So kann es gelingen
Wenn Stillen über das erste Lebensjahr hinaus geht, kommt bei vielen der Gedanke an den Berufseinstieg dazu. Aus Stillberatungen weiß ich, dass genau dieser Übergang oft Sorgen macht, besonders wenn der Job nicht klassisch von neun bis fünf ist.
1) Schau dir deinen Alltag realistisch an
Überlege dir, wie dein Arbeitsalltag aussieht und wann Stillen für euch überhaupt möglich ist. Stillen funktioniert nur, wenn du da bist. Das ist eine wichtige Grundlage für die Planung.
2) Wählt eure wichtigsten Stillmomente
Viele Familien erleben bestimmte Stillzeiten als besonders wertvoll:
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Stillen vor dem Aufstehen, als ruhiger Start in den Tag
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Stillen nach dem Abholen aus der Betreuung, als Ankommen und Entspannung
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Stillen am Abend als Einschlafbegleitung
Wie viele Stillmahlzeiten in euren Tag passen, ist individuell. Wochenenden können dabei ganz anders aussehen als Arbeitstage. Kinder verstehen sehr gut, dass Stillen nur möglich ist, wenn Mama da ist.

Stillen trotz Nachtdienst: Meine Erfahrung
Spannend wird es, wenn du auch über Nacht außer Haus bist. Vielleicht fragst du dich, wie das funktionieren soll. Ich kann diese Sorge sehr gut verstehen. Ich habe viele Jahre als Ärztin im Krankenhaus gearbeitet und meine Kinder beim Wiedereinstieg noch gestillt, auch nachts. Ich bin direkt wieder ins Dienstsystem gegangen und war an Diensttagen etwa 36 Stunden von meinem Kind getrennt.
Wie hat das funktioniert?
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Mit einer Milchpumpe am Arbeitsplatz, bei mir war es eine Handmilchpumpe
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Mit einem Partner, der das Kind abends und nachts begleitet
Ich habe das vorher mit keinem Kind geübt. Ich war einfach nicht da. Ich war mir sicher, dass mein Partner und das Kind ihre eigene Routine finden. Bei den ersten Diensten hat mein Partner wichtige Termine so gelegt, dass sie nicht direkt nach einer Nacht ohne mich stattfanden.
In der Zeit, in der ich nicht stillen konnte, habe ich je nach Spannungsgefühl zwei bis viermal abgepumpt und die Milch gekühlt aufbewahrt. Nach der Fremdbetreuung hat mein Kind direkt gestillt und auch in der Nacht, sobald ich wieder da war. Es war klar: Stillen in der Nacht geht nur, wenn ich da bin. Stillende und nicht stillende Nächte haben sich problemlos abgewechselt.
Eine Flasche Muttermilch wollten meine Kinder nachts ohne mich nicht, höchstens mal einen Schluck Wasser. Ob das für dich der richtige Weg ist, weiß ich nicht. Vielleicht hilft dir die Geschichte aber dabei, deinen eigenen Weg zu finden.
Wenn du abstillen möchtest: sanft und bestimmt
Die Stillzeit meiner Kinder wurde mit jedem Kind länger, von 13 Monaten bei Kind 1 bis 30 Monate bei Kind 4 und 5, den Zwillingen. Den endgültigen Abstillprozess habe ich gezielt eingeleitet. Als ersten Schritt habe ich das Stillen in der Nacht beendet.
Abstillen ist für viele Frauen ein großes Thema. Du musst es nicht alleine schaffen. Du darfst dir Unterstützung holen, um einen Weg zu finden, der zu dir und deinem Kind passt.
Unterstützung und Stillberatung: Hier bekommst du Hilfe
Wenn du Fragen hast, schreib sie gern in die Kommentare oder melde dich bei uns oder bei Caroline. Caroline bietet Online Stillsprechstunden und Stillberatungen an.
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Langzeitstillen ist kein Sonderfall, sondern eine von vielen normalen Stillgeschichten. Ob du drei Monate stillst oder drei Jahre, ob du weiterstillst oder abstillst, entscheidend ist, dass es sich für euch stimmig anfühlt. Du darfst deinen Weg gehen, du darfst Hilfe annehmen und du musst dich nicht rechtfertigen.











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