
Mentale Gesundheit und große Emotionen
Studien zeigen, dass jede vierte Mutter in den ersten drei Jahren nach der Geburt Symptome einer Depression entwickelt. Am häufigsten wird eine postnatale Depression diagnostiziert, wenn das erste Kind etwa vier Jahre alt ist. Das sind alarmierende Zahlen und sie machen eines deutlich: Mütter brauchen oft weit über die ersten ärztlichen Routineuntersuchungen hinaus Begleitung, Entlastung und echte Unterstützung.
Warum? Weil Elternsein eine große Herausforderung ist. Weil der gesellschaftliche Druck auf Mütter enorm ist. Und weil sich hartnäckig die Idee hält, dass eine Frau in der Mutterrolle automatisch Erfüllung finden muss und dabei möglichst perfekt sein sollte.
Natürlich kann Mutterschaft eine tief befriedigende, im besten Sinne lebensverändernde Erfahrung sein. Sie kann aber auch eine Reise sein, die Körper, Geist und Seele stark beansprucht. Manche Frauen finden die Nächte endlos und die Tage monoton, sind erschöpft, zweifeln an sich und ihrem Verstand, und trotzdem fühlt sich die Liebe zum Kind so groß an, dass sie alles überstrahlt. Für andere ist Mama-Sein das Schwierigste, was sie je getan haben. Sie haben das Gefühl, unterzugehen und wünschen sich, für ein paar Nächte oder für immer weglaufen zu können.
Bei Gefühlen gibt es kein Richtig oder Falsch
Mutter zu sein ist hochindividuell. Niemand kann wirklich ahnen, wie finster Gedanken um 3 Uhr morgens in völliger Übermüdung werden können. Das alte Leben zu vermissen, Traurigkeit zu spüren, ambivalent zu fühlen oder nicht durchgehend glücklich zu sein, betrifft sehr viele Mütter. Diese Ambivalenz wird für viele ein treuer Begleiter der Mutterrolle. Sie kennenzulernen, auszuhalten und einzuordnen ist eine große Aufgabe.
Wichtig: Du bist damit nicht allein. Und keine Stimmungslage, die hier beschrieben wird, ist automatisch ein Indiz dafür, wie sehr du dein Kind liebst oder was für eine Mutter du bist. Viele Verstimmungen sind vorübergehend und gut behandelbar. Es kostet Überwindung, sich zu öffnen und eine Fachperson einzubeziehen, aber es ist oft der wichtigste erste Schritt, um die Hilfe zu bekommen, die du verdienst.

Babyblues
Für viele neue Mütter ist der Babyblues in den ersten Tagen nach der Geburt ein Schock. Umso wichtiger ist es zu wissen, dass es ihn gibt und dass sehr viele Frauen davon betroffen sind. Häufig zeigt er sich zwischen Tag 2 und 5 nach der Geburt und hält Stunden bis wenige Tage an. Umgangssprachlich werden diese Tage auch „Heultage“ genannt.
Typische Auslöser sind die starken hormonellen Veränderungen nach der Geburt, die enorme Umstellung, Schlafmangel und das emotionale Chaos der ersten Zeit.
Wenn diese Gefühle jedoch über die ersten zwei Wochen hinaus bestehen bleiben, dich im Alltag und in deiner Elternrolle deutlich beeinträchtigen oder stärker werden, lohnt sich ein genauer Blick. Deine erste Ansprechpartnerin ist dann deine Hebamme.
Postpartale Stimmungskrisen
Im Unterschied zum Babyblues gehen postpartale Stimmungskrisen oft mit einem spürbaren körperlichen und seelischen Leiden einher, das die Lebensqualität und Handlungsfähigkeit der Mutter beeinträchtigt und behandelt werden sollte.
Zu den postpartalen Stimmungskrisen gehören unter anderem:
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Postpartale Depression (PPD)
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Postpartale Angstzustände
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Postpartale Psychose
Postpartale Depression (PPD)
Die postpartale Depression ist eine der häufigsten Komplikationen im Wochenbett. Sie kann schon in der Schwangerschaft beginnen oder im ersten Lebensjahr des Kindes auftreten und über Monate anhalten. Erstgebärende sind häufiger betroffen als Mehrgebärende. Eine Depression hat viele Gesichter und nicht jede Betroffene wirkt nach außen hin „depressiv“.
Mögliche Anzeichen einer PPD
Wenn die folgenden Symptome über den ersten Monat nach der Geburt hinaus auftreten, können sie Hinweise auf eine postpartale Depression sein:
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Teilnahmslosigkeit, Traurigkeit, häufiges Weinen
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Reizbarkeit oder Wut
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Appetitverlust oder gesteigerter Appetit
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Freudlosigkeit
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Energiemangel und Erschöpfung
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Müdigkeit und Schlaflosigkeit
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Konzentrationsschwierigkeiten
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Schuldgefühle oder Scham
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Zukunfts- und Versagensängste
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Gedanken, sich selbst oder dem Baby zu schaden
Viele Betroffene wehren den Gedanken ab, psychische Probleme zu haben, besonders wenn sie schon einmal damit zu kämpfen hatten. Wenn du dich in vielem wiedererkennst: Bitte hol dir Hilfe. Ganz egal, was dir dein Gehirn einredet, deine Familie ist ohne dich nicht besser dran. Und wenn dein Umfeld nicht versteht, was los ist, kann es helfen, es auszusprechen.
Niedrigschwellige Hilfeangebote
Wenn du dich (noch) nicht traust, dich einer Person aus deinem nahen Umfeld anzuvertrauen, können diese Angebote ein guter erster Schritt sein:
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Kostenloser Selbsttest bei Smart Moms (Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf)
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Wochendepression Hotline: 0157-74742654
Wichtig: Auch Väter, Co-Mütter und Co-Eltern können betroffen sein. Symptome können ähnlich sein. Wir wissen es ist nicht einfach, sich nach der Geburt seinen negativen Gefühlen zu stellen, aber wir wollen dich ermutigen, offen darüber zu sprechen und dir Unterstützung zu holen.
Postpartale Angstzustände
Sorgen gehören nach der Geburt für viele Mütter dazu. Wenn Angst und Grübeln jedoch so stark werden, dass sie deine Handlungsfähigkeit einschränken, kann es sich um postpartale Angstzustände handeln.
Kennzeichen können sein
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Unaufhörliche Besorgnis, Katastrophendenken oder Panikgefühle
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Unvermögen, bestimmte Gedanken abzuschalten
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Appetitverlust oder gesteigerter Appetit
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Schlafstörungen
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Engegefühl in der Brust, Übelkeit, Schwindel, Herzrasen und andere körperliche Symptome
Auch das ist häufig und behandelbar. Hilfreich sind regelmäßige Termine bei einer geschulten Fachperson für psychische Gesundheit und ein enger Austausch mit deiner Hebamme.
Postpartale Psychose
Postpartale Psychosen sind selten, erfordern jedoch sofortige ärztliche Hilfe. Kennzeichen können sein:
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Wahnvorstellungen oder Halluzinationen
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Verfolgungswahn und Misstrauen
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Verwirrtheit oder Orientierungslosigkeit
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Entfremdung und Realitätsverlust
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Erregtheit und extreme Stimmungsschwankungen
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Schlaflosigkeit oder deutlich verminderter Schlafbedarf
Auch wenn es sehr selten ist, dass Betroffene sich selbst oder dem Baby schaden, kann unberechenbares Verhalten auftreten. Menschen in einer Episode merken oft nicht, dass sie betroffen sind. Deshalb ist es wichtig, dass auch der Unterstützerinnenkreis Symptome kennt und im Zweifel schnell Hilfe holt.
- oder Panikgefühle
- Unvermögen, bestimmte Gedanken abzuschalten
- Appetitverlust oder gesteigerter Appetit
- Schlafstörungen
- Engegefühl in der Brust, Übelkeit, Schwindel, Herzrasen und andere körperliche Symptome.
Wie die meisten postpartalen Stimmungskrisen ist auch diese häufig: Jede zehnte Frau hat im ersten Jahr nach der Geburt Symptome von Angstzuständen. Auch dafür gibt es verschiedene Abstufungen, die dringend behandelt werden sollten. Wir empfehlen regelmäßige Termine mit einer geschulten Person für psychische Gesundheit zu vereinbaren und auch hier im engen Austausch mit deiner Hebamme zu sein.

Reizbarkeit und Wut
Wut wird in unserer Gesellschaft oft verteufelt und versteckt. Dabei hat Wut fast immer mit einem unerfüllten Bedürfnis zu tun. Wenn du lernst, Wut als Signal zu verstehen, kann sie dir zeigen, was sich ändern muss. Manchmal weist sie auch auf unverarbeitete Themen oder alte Verletzungen hin.
Sich gereizt, überwältigt oder „kurz vorm Explodieren“ zu fühlen, ist häufiger, als viele denken. Bis zu einem gewissen Grad ist das normal. Wenn du aber oft die Kontrolle verlierst, ist es sinnvoll, dir Unterstützung zu holen und konkrete Bewältigungsstrategien zu lernen.
Wenn du merkst, dass du gleich die Kontrolle verlierst
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Entferne dich kurz von deinem Baby und lege es an einen sicheren Ort (im Zweifel ist auch der Boden sicher).
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Atme langsam und tief, um dein Nervensystem zu beruhigen. Box-Atmung: 4 Sekunden einatmen, 4 Sekunden halten, 4 Sekunden ausatmen, 4 Sekunden halten. Fünfmal wiederholen.
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Wasch dir das Gesicht mit kaltem Wasser.
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Wenn du dich nicht allein beruhigen kannst, ruf eine Vertrauensperson an.
Viele Mütter berichten, dass sie bei älteren Kindern wegen scheinbarer Kleinigkeiten von 0 auf 100 gehen. Da Wut fast immer mit einem unerfüllten Bedürfnis zu tun hat, ist es wichtig, sich Unterstützung von seinem Umfeld zu holen - Entlastung durch das Umfeld und echte Pausen können hier einen riesigen Unterschied machen.
Selbstfürsorge ist keine Kür, sondern Basis
Sich gut um sich selbst zu kümmern, Zeit für sich zu finden und überhaupt zu erkennen, was du neben deiner Mutterrolle brauchst, ist eine der größten Herausforderungen in dieser Lebensphase. Eine gute Balance ist im Alltag oft schwer, aber essenziell für deine körperliche und mentale Gesundheit.
"Sich gut um sich selbst zu kümmern, sich genügend Zeit für sich selbst zu nehmen oder erstmal zu erkennen, was man neben seiner Mamarolle braucht, um ausgeglichen und glücklich zu sein, ist eine der größten Herausforderungen als Mama und Frau. Eine gute Balance zu finden ist im Alltag oft schwierig, aber essentiell für deine körperliche und mentale Gesundheit."



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