
Spickzettel für Geburtspartner*innen: so begleitest du sie sicher und liebevoll
Wenn du das liest, bereitest du dich wahrscheinlich darauf vor, deine Partnerin in einem der aufregendsten und herausforderndsten Momente Ihres Lebens zu unterstützen - der Geburt. In einem Moment, der gleichzeitig kraftvoll und verletzlich sein kann. Allein, dass du dich vorbereitest, ist schon ein großes Geschenk. Denn Geburt ist nicht nur etwas, das passiert. Geburt ist etwas, das getragen wird. Von ihr, vom Team im Kreißsaal und auch von dir.
Gute Begleitung macht einen Unterschied. Studien zeigen, dass kontinuierliche Unterstützung während der Geburt mit besseren Geburtserfahrungen und auch mit messbaren Vorteilen verbunden sein kann, zum Beispiel mehr spontane vaginale Geburten, weniger Bedarf an Schmerzmitteln und weniger negative Gefühle zur Geburt.
Die WHO empfiehlt ausdrücklich eine Begleitperson nach Wahl während der gesamten Geburt.
Deine wichtigste Aufgabe: Sicherheit ausstrahlen
Deine Partnerin orientiert sich an dir. Nicht, weil du alles wissen musst, sondern weil du ihr Nervensystem mitregulierst. Wenn du ruhig bleibst, wird es für sie leichter, im Inneren zu bleiben.
Das bedeutet nicht, dass du keine Angst haben darfst. Es bedeutet nur: Du parkst sie kurz an der Seite, atmest und wirst wieder zu dem sicheren Punkt im Raum.
Frühe Wehen: den Start weich halten
Die frühen Wehen sind oft eine Phase des Einpendelns. Manchmal kommen sie unregelmäßig, manchmal bauen sie sich langsam auf. Für viele Frauen ist jetzt das Wichtigste: Energie sparen.
Hilf ihr, in der Ruhe zu bleiben. Mach den Raum leiser. Reduziere Reize. Und kümmere dich um die Basics, damit sie sich nicht kümmern muss. Gib ihr immer wieder kleine Angebote, ohne Druck: Wasser, Tee, eine Kleinigkeit zu essen, eine warme Dusche, ein Positionswechsel, frische Luft am offenen Fenster.
Und vor allem: erinnere sie daran, dass Pausen dazugehören. Geburt ist ein Marathon. Energie ist kostbar.
Wohlfühlatmosphäre: du bist ihr „Raumhalter“
Eine Geburt wird nicht nur vom Körper gemacht, sondern auch vom Setting. Du kannst den Raum halten, damit ihr Körper arbeiten kann.
Dimme das Licht, wenn es möglich ist. Sprich leise. Schirme sie ab, wenn zu viel passiert. Und wenn sie Berührung möchte: Hand halten, Stirn streichen, Rücken stützen. Kleine Gesten wirken oft größer als große Worte.
Wenn sie Berührung nicht möchte, respektiere das genauso. Manche Frauen brauchen Nähe, manche brauchen Abstand. Beides ist richtig.
Bleib bei ihr, wenn es geht
Zu viel Kommen und Gehen kann Unruhe bringen. Wenn du den Raum verlassen musst, sag kurz Bescheid und komm wieder verlässlich zurück. Dieses „Ich bin da“ ist für viele Frauen ein Anker.

Aktive Wehen: jetzt zählt Präsenz mehr als Gespräch
Wenn die Wehen intensiver werden, wird es oft stiller im Kopf und körperlicher im Ausdruck. Viele Frauen können während der Wehe nicht sprechen. Das ist normal. Dein Job ist dann, Stabilität zu geben.
Halte Blickkontakt, wenn sie ihn sucht. Erinnere sie an ihre Atmung. Hilf ihr, Positionen zu wechseln. Es empfiehlt sich ausdrücklich, Bewegung und selbstgewählte Positionen zu unterstützen und nicht flach auf dem Rücken zu liegen.
Wenn du ihr helfen willst, ohne viele Worte, funktionieren oft diese drei Dinge:
Erstens: Atmung mitmachen. Ruhig. Lang. Hörbar.
Zweitens: Körperlich stützen. Becken halten, Schulter abstützen, Gegendruck im Rücken.
Drittens: Rhythmus geben. Ein Satz, der immer gleich bleibt.
Zum Beispiel: „Ich bin hier. Du machst das gut. Eine Welle nach der anderen.“

Worte, die stärken
Viele Partner*innen rutschen aus Hilflosigkeit in Mitleid. Das ist menschlich, kann aber bei der Gebärenden das Gefühl verstärken, dass etwas „nicht stimmt“. Was meistens mehr trägt, ist Mitgefühl plus Vertrauen.
Sätze, die gut tun:
„Ich sehe dich. Du bist nicht allein.“
„Du machst das genau richtig.“
„Ich bin stolz auf dich.“
„Ich bleibe bei dir.“
„Sag mir, was du jetzt brauchst. Ich mache das möglich.“
Setz dich für sie ein: du bist ihre Stimme, wenn sie keine Kraft hat
In intensiven Phasen ist es schwer, Fragen zu stellen, Entscheidungen zu sortieren oder Wünsche zu wiederholen. Genau hier bist du wichtig.
Du kannst freundlich und klar nachfragen:
„Können Sie uns kurz erklären, was Sie jetzt vorschlagen und warum?“
„Welche Optionen haben wir, welche Vor und Nachteile gibt es?“
„Können wir bitte einen Moment bekommen, um das zu besprechen?“
Das ist Verantwortung. Und es passt zur Idee einer respektvollen, informierten Geburt, bei der sich Frauen gesehen und ernst genommen fühlen.
Bleib flexibel: Geburt ist lebendig
Vorbereitung ist wertvoll. Aber Geburt ist nicht immer planbar. Manchmal ändern sich Dinge schnell. Dein Job ist dann nicht, den Plan zu retten, sondern Verbindung zu halten.
Was immer bleibt: ihr seid ein Team. Und das medizinische Personal ist nicht „Gegner“, sondern Partner in Sicherheit. Wenn euch etwas unklar ist, fragt nach. Wenn sie sich unsicher fühlt, sprich es aus. Ruhig, respektvoll, bestimmt.
Und du auch: vergiss dich nicht
Geburtspartner*in zu sein ist anstrengend. Du brauchst Trinken, Essen, kurze Mini Pausen. Nicht stundenlang, aber so, dass du stabil bleibst. Wenn du merkst, du kippst innerlich weg, sag es. Bitte die Hebamme kurz um Orientierung. Oder frag, ob du für zwei Minuten raus kannst, wenn jemand anderes bei ihr ist. Du musst nicht alles alleine tragen.
Mini Merksatz für dich
Präsenz schlägt Perfektion.
Ruhig bleiben. Raum halten. Bedürfnisse übersetzen. Mitgehen.
Foto Credit: Alle wunderschönen Bilder dieses Beitrags sind von Hannah Beil - Geburtsfotografie Heidelberg.



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