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Artikel: Mutterschaft: Warum gegensätzliche Gefühle gleichzeitig wahr sein können!

Mutterschaft: Warum gegensätzliche Gefühle gleichzeitig wahr sein können!
Wochenbett

Mutterschaft: Warum gegensätzliche Gefühle gleichzeitig wahr sein können!

Ich sitze täglich bei Müttern. In den Wochenvor der Geburt. Im Wochenbett, in den ersten Wochen, in diesen Momenten, in denen das Leben gerade alles auf einmal ist. Und immer wieder höre ich denselben Satz, manchmal laut, meistens ganz leise: „Ich liebe ihn so sehr. Aber ich weiß nicht, wie ich das alles schaffen soll." oder "Ich wünsche mir eine Pause. Aber ich liebe mein Baby doch so sehr"

Danach kommt oft eine Pause. Und dann: „Ist das normal?" Ja. Es ist nicht nur normal. Es ist zutiefst menschlich. Und dennoch ist diese Ambivalenz der Gefühle nur schwer auszuhalten, den sie führen zu Überforderung, Scham und Unsicherheit.

 

Zwei Dinge können gleichzeitig wahr sein

Du schaust dein Kind an und fühlst eine Liebe, die dich fast aus den Socken haut. Und gleichzeitig bist du so müde, dass du kaum weißt, wo du anfangen sollst. Du bist dankbar und vermisst die Frau, die du vorher warst. Du fühlst dich verbunden und trotzdem seltsam allein.

Das ist kein Widerspruch. Das ist Mutterschaft.

Für viele Frauen fühlt sich genau das aber falsch an. Wir sind aufgewachsen mit dem Bild: Wenn etwas gewollt ist, wenn man sich darauf gefreut hat - dann muss es sich doch gut anfühlen. Wenn dann Frustration auftaucht, Trauer, Gereiztheit oder einfach ein großes Nichts neben der Liebe, dann denken viele Mütter: Mit mir stimmt etwas nicht.

 

Ambivalenz: wenn das Herz zwei Wahrheiten trägt

In der Psychologie heißt dieses Erleben Ambivalenz: das gleichzeitige Vorhandensein gegensätzlicher Gefühle. Es ist kein Zeichen von Schwäche oder Instabilität. 

Die Psychiaterin Alexandra Sacks beschreibt es so: Auf der einen Seite zieht uns die Verbindung zum Baby - Oxytocin, Körpernähe, eine Liebe, die wir so vorher nicht kannten. Auf der anderen Seite sind wir noch immer wir: mit Bedürfnissen, Wünschen, einer Geschichte. Beide Seiten sind real. Beide haben ihr Recht.

Je bedeutungsvoller eine Rolle ist, desto vielschichtiger reagieren wir auf sie. Und was ist bedeutungsvoller als das hier?

 

Das neue Ich

Mutterschaft ist keine Ergänzung zu dem, was du vorher warst. Sie ist eine Transformation. Und für diese Transformation gibt es einen Begriff, der im Deutschen viel zu wenig bekannt ist: Matreszenz oder auch Muttertät.

Das Konzept wurde von den Doulas Natalia Lamotte und Sarah Galan geprägt und schafft seit 2021 langsam seinen Weg in den gesellschaftlichen Diskurs. Der Begriff ist bewusst an „Adoleszenz" angelehnt, weil dieser Übergang genauso tiefgreifend ist wie die Pubertät. Körper, Identität, Beziehungen und der Blick auf die Welt verändern sich. Nur reden wir viel weniger darüber.

Und es ist nicht nur Psychologie, es ist Biologie. Dein Gehirn verändert sich strukturell während Schwangerschaft und Wochenbett, besonders in den Bereichen, die für Empathie, emotionale Wahrnehmung und soziale Verbindung zuständig sind. Diese Veränderungen sind so eindeutig messbar, dass ein MRT-Scan mit hundertprozentiger Sicherheit zwischen Müttern und Nicht-Müttern unterscheiden kann.

Du wirst also buchstäblich jemand Neues. Und das braucht Zeit. Dieser Prozess umfasst einen Bruch, einen Widerstand, wachsendes Bewusstsein, Neuorientierung und irgendwann: Integration. Er verläuft nicht geradlinig. Rückschritte gehören dazu.

Du kannst dich durch die Mutterschaft gestärkt fühlen und dir gleichzeitig fremd sein. Stolz sein und dich unsichtbar fühlen. Tief lieben und die Freiheit von früher vermissen. Das ist keine Undankbarkeit. Das ist ein Prozess, der gerade läuft.

 

Das darfst du fühlen

Liebe und Erschöpfung. Dankbarkeit und Trauer. Verbundenheit und Einsamkeit. Stolz und Zweifel. Freude und das tiefe Vermissen von dem, was war. Alles davon darf gleichzeitig wahr sein. Keines davon macht das andere weniger echt.

 

Warum Aushalten Stärke ist

Wir verwechseln Resilienz gerne mit Optimismus. Aber Stärke ist nicht, immer das Positive zu sehen. Stärke ist, auch das Schwere zu tragen, ohne es wegzumachen.

Wenn wir unangenehme Gefühle unterdrücken, weil wir glauben, wir sollten doch dankbar sein, werden sie nicht kleiner. Sie werden lauter. Wenn wir aber beiden Wahrheiten Raum geben - das ist wunderschön, und das ist gerade wirklich schwer - entsteht etwas, das sich seltsam nach Erleichterung anfühlt. Psychologen nennen es Regulation. Ich nenne es: Luft holen können.

Schuldgefühle führen dazu, dass wir uns für unsere eigenen Gedanken schämen und sie für uns behalten. Dabei sieht es bei allen anderen nur von außen leicht aus. Andere Mütter fühlen genauso. Sie sprechen nur nicht darüber. Noch nicht.

 

Ein Bild, das nicht existiert

Ein großer Teil des Problems ist kulturell. Das gesellschaftliche Idealbild einer Mutter kennt kein Dazwischen: Es gibt nur die gute Mutter oder eben die Rabenmutter. Wenn die eigene Realität nicht mit diesem Bild übereinstimmt, entsteht Scham. Und Scham hält Frauen davon ab, ehrlich zu sein. Mit anderen, aber auch mit sich selbst.

Dabei ist eine sichere, liebevolle Elternschaft nicht aus dauerhafter Glückseligkeit gemacht. Sie entsteht durch verlässliche Zuwendung über Zeit. Du kannst überreizt, erschöpft und frustriert sein und trotzdem genau die Mutter sein, die dein Kind braucht.

 

Ein wichtiger Hinweis

Ambivalenz und das Erleben widersprüchlicher Gefühle sind normal und kein Grund zur Sorge. Anders sieht es aus, wenn schwere Gefühle dauerhaft überwiegen, du dich von deinem Kind oder dir selbst entfremdet fühlst, oder wenn das tägliche Funktionieren sich kaum noch anfühlt. Das können Zeichen einer postpartalen Depression oder Angststörung sein und dann ist professionelle Unterstützung wichtig und richtig. Du musst das nicht alleine tragen. Bitte suche dir dann professionelle Hilfe. Deine erste Ansprechpartnerin is hier deine Hebamme.

 

Mutterschaft ist beides

Mutterschaft dehnt dich in alle Richtungen gleichzeitig. Sie weitet deine Fähigkeit zu lieben und zeigt dir deine Grenzen. Sie gibt dir Halt und erschüttert dich. Sie füllt dich und lässt eine unbekannte Leere entstehen.

Das ist kein Fehler. Das ist Wachstum. Und Wachstum ist selten ordentlich. Wenn wir verstehen, was die Matreszenz mit uns macht, können wir tiefer in die Selbstfindung gehen und uns fragen: Wer bin ich jetzt, da ich auch Mutter bin?

Wenn du gerade all die Gefühle fühlst: Nichts läuft schlief. Du versagst nicht. Aber es entsteht ganz viel Raum für Neues. Neue Perspektiven, neue Gefühle. Eine neue Welt. Ein neues Du.

Und das, genau das, ist Mutterschaft.

Du findest dieses Thema interessant? Dann kannst du in diesem Artikel mehr zum Thema erfahren!

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